Sonntag, 15. Januar 2012

Die Dreifaltigkeit der Zeit

    Der dicke Rauch der Zeit verflüchtigt sich niemals. Er bleibt dicht gedrängt im unendlichen Raum der Ewigkeit hängen. Dort im e’wgen Dunkeln schweben eng aneinander geschmiegt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zusammen mit Gefühlen, Gedanken und den Gebeinen der Ahnen längst vergangner Zeiten ruht darin der Geist jener, die Damals den Versuch – Leben - unternahmen. Die Nostalgie des verlebten verleiht dem Ort etwas Trauriges. Es herrscht Stille. Die Vergangenheit schweigt. Kaum einer lernt daraus, weswegen sie eine so dermaßen wichtige Rolle einnimmt. Das flüstern des Momentes ist es, dass dem Ganzem sein melancholisches Etwas stiehlt. Es flackert Leben in den hinteren Ecken dieses längst verrotteten Friedhofs. Eine Glut scheint entfacht, die Hitzewallungen in den verborgenen Seelen der Überlebenden auslöst. Eine weiße Rauchschwade in der hintersten Ecke dieser heiligen Unendlichkeit verleiht diesem Ort der Weißheit und Ruhe etwas Besonderes. Wie eine nicht aufzuhaltende Revolution, eilt die Nachricht von den Sterbenden zu den Lebenden. Eine nie dagewesene Aufregung und Neugier verbreitet sich in der erdrückenden Stille der für die Ewigkeit gefangenen Seelen. Das Wort macht die Runde. Eine für diesen Ort verbotene Vokabel. Sie rennt von Seel’ zu Geist, und zerreist - die Grenzen der Gesetze. Es beginnt ein Durcheinander. Der Anfang vom Ende. Die Vergangenheit spürt ein, das Herz zerschneidendes, Gefühl des Verlangens. Die Gegenwart eine, wie Feuer brennende, Bestätigung des Gesprochenen. Die Zukunft eine, wie Eis auf die Haut bindende, Angst des Verlustes. Es ist ein Frevel den Ruhenden gegenüber. Ein Aufschrei der Lebenden und ein lebendig gewordener Wunsch, der noch zu lebenden. Wie ein unerwünschter Eindringling schleicht er ohne Papiere über die Grenze und setzt einen, sofort keimenden, Gedanken in die Gehirne aller, dort unten im verdunstenden Rauch der Zeit, Verweilenden. Das weiße Rauchwölkchen schwebt langsam nach oben. Es öffnet eine Ritze in eine andere Galaxie der Zeit. Ein schmaler Lichtstreifen lässt die, in der Dunkelheit, Gefangenen aufblinzeln. Wie verdunstendes Wasser gen Himmel steigt, schweben diese, für das Leben geschaffenen dem Licht, nach oben, entgegen. Das Flüstern wird zum Tuscheln und endet in einem lauten Schrei nach Freiheit. Zwei der drei dort versammelten Arten von Seelen entscheiden sich zu fliehen. Sie fliehen vor der erstickenden Einsamkeit, des schon Geschehen; vor der erdrückenden Weisheit, des schon ein Mal gesehenen; vor der Kälte des Todes.
Die Zeit ist die vierte Dimension, des sich vorstellbaren. Dennoch gibt es nur drei verschiedene Arten der Zeit. Es ist eine Lüge, dass man alle drei Stufen durchlebt. Man er – lebt nur die Gegenwart, indem man den Moment lebt. Die Zukunft zu greifen, zu durchleben im wörtlichsten Sinne ist ebenso unmöglich wie die Vergangenheit rückgängig zu machen, Geschehenes zu wiederholen oder Durch - Lebtes aus dem Schleier des Todes zu bergen. Es ist das einfachste Gesetz der Zeit: Man lebt im Jetzt. Dieses Gebot, verleiht der Zeit ihre vierte Dimension. Es ist der Moment, der der Zeit ihr fehlendes Element zuerteilt. Die Gegenwart, das zweite Element, kann überall und alles sein, allein der Moment ist das feine Detail, das nur das Ich erlebt. Er ist die besondere Note, die einem im Jetzt den nötigen Halt gibt, dass dem einsam, leidenden Ich das Leben nicht aus der Hand gleitet.
Auch der Moment erscheint im Dreierpack; seine beiden Brüder sind die Erinnerung und der Traum. Die Erinnerung schenkt einem Bilder, Gefühle und Gedanken der Vergangenheit. Auch die Erinnerung kann Kraft geben, ist jedoch immer von einer Trauer, des längst verlorenem überschattet. Selbst Träume von einer glücklichen und spannenden, Erfolg versprechenden Zukunft lassen einen auf besseres hoffen und somit glücklich erscheinen, bleiben jedoch von der ständigen Angst des Unerreichbaren im unantastbaren Nebel der Zeit verborgen.
Die in den zweiten Raum fliehenden Seelen, wähnen sich glücklich, während sie das Leben riechen, nicht wissend, dass sie eines unbestimmten Tages, an den verfluchten Ort, der Verlassenheit zurückkehren müssen, dem sie soeben, voller Vorfreude auf das ihnen bevorstehende, entschwebten. Alles endet in der stillen Toten Kammer der verhassten und doch so wertvollen, längst vergessenen Vergangenheit.
Die Welt wäre nicht so, wie sie Heute ist, hätte die Menschheit nicht aus der Vergangenheit gelernt und rationale sowie zukunftsorientierte Rückschlüsse gezogen!
Dieser zweite Raum der Zeit ist Licht durchflutet. Überall ist Leben. Warme Bilder voller Schönheit und Lust bilden eine, ebenfalls unendlich erscheinende, Galerie des gerade erlebten. Ein wunderbares Durcheinander voller Glück, Trauer, Verlangen und Gefühltem. Man findet wenig Weisheit, eher Spontaneität und Lebenswille. Es werden Fehler gemacht. Es wird gestritten. Es wird sich geliebt, so verzweifelt, als gebe es keinen Morgen. Die Dummen versuchen krampfhaft den Moment festzuhalten, einzufangen. Die Klugen leben ihn, genießen ihn mit all seinen Vorzügen und Nachteilen. Der Moment ist allgegenwärtig. Das einzige Gesetz. Auch das ist einengend. Mancher ist unzufrieden. Träumt von einer besseren Welt. Einer formuliert eine Utopie. Seine Seele wird verhaftet. In die Zukunft seiner formulierten Utopie verbannt. Andere wollen folgen. Sie sehnen sich nach der Freiheit, ihre Träume so ausleben zu können wie sie es wollen. Eine Wolke durchsichtigen Rauches, des noch zu erlebenden schwebt, von niemandem aufgehalten, durch gläserne Scheiben, dem letzten Raum entgegen. Wie man das Eiweiß vom Eigelb trennt, so trennt sich jetzt also die Zukunft von der Gegenwart. Sie schnellt über die Köpfe derer, die noch im Begriff sind, den Moment zu feiern, hinweg in ihre wirkliche Zugehörigkeit; der grenzenlosen und unermesslichen Imagination des sich vorstellbaren und des sich nicht vorstellbaren. Keiner der vier Zutaten der Zeit, mit Ausnahme des Momentes, kann mit dem anderen Inhaltsstoff zusammenleben. Sie sind in ihrem Inneren zu grundsätzlich, zu verschieden.
Jetzt, da ein jeder in seinem eigenen Raum verweilt, kann sich der Mensch ganzheitlich und frei entfalten. Im Leben eines Menschen müssen die Räume strickt getrennt werden. Im Tod jedoch zerfällt das Haus der vier Dimensionen und es bleibt nur eine, für das menschliche Auge endlos reichende, Dunstwolke der Zeit übrig.
Der Staub der Zeit verflüchtigt sich niemals. Für immer bleibt er in der ewigen Wüste des Geschehenen hängen. Und kein Funken Leben gelangt auf dieses verdammten Friedhof der vier Brüder. So rieselt ein Sandkorn nach dem anderen den Hang des Ge - Lebten herunter, feststellend, dass das, was das Leben lebendig und lebenswert macht, die Gegenwart und der Moment ist; dass das, was das Lebens erstrebenswert macht, die Zukunft ist; und dass das, was bleibt, die Vergangenheit ist. Nur im Tod sind die vier Geschwister vereint.
Warum also, sollte der Tod nicht eine Vervollkommnung des Lebens sein?

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