Donnerstag, 16. August 2012

Die Wellenreiter


Das Leben ist wie der Surfsport. Obwohl der eigentlich bodenständige Erdbewohner natürlich nicht in die weiten und wilden Gewässer der Meere, Flüsse und Seen gehört, sondern auf den Boden der ruhigen und festen Muttererde, ist es trotzdem ein einigermaßen hinreichender Vergleich. Lächerlich, jedoch schmackhaft.
Die Person ist der Mensch. Das Brett ist das Leben, das es zu befahren gilt, wie die sieben sündhaften Weltmeere. Das Meer, die Welt. Der Wind ist, das Schicksal. Und die Wellen sind, in schwerer Anmut dahingleitende, Möglichkeiten. Manche sind kleinere, sanftere; andere wiederum sind größer, mutiger, tödlicher, die wenn es gelingt sie zu befahren, einen Menschen weit und gerne tragen, solange bis sie keine Kraft mehr haben und hochmütig, aber zufrieden, mit dem Geräusch eines vor Schmerzen schwer seufzenden Wesens, aus dem Meere scheiden. Der Mensch hat also die Aufgabe, die ankommenden Möglichkeiten so zu meistern, dass sie ihm nützen, ihn voranbringen, und ihn stärken. Jede Möglichkeit ist zugleich Erfahrung. Jede zu hastig, oder nicht willig genug genommene, verfehlte Welle, eine verpasste Chance. Jeder Fehler, gleichzeitig Lernen.
Es gibt aber auch die Zeiten, da kommt nicht ein einziges Wellchen an. Eine Flaute hat eingesetzt. Jetzt gilt es, sie zu suchen. Man muss selber aktiv werden, um neue Wellenhorte zu finden, um den Anschluss an das Leben nicht zu verlieren. Anstrengung ist gefragt, Arbeit und Aufopferung.
Erfahrene Wellenreiter wissen, wo sie suchen müssen. Für sie kann eine Übergangswelle, die sie zur nächsten größeren Möglichkeit befördert, eine schön gesungene Arie, ein wahrhaftiges Gemälde, ein Kraftgebender Spaziergang, ein Anregendes Buch, ein tiefsinniges Gespräch, ein Stündchen im Grünen mit Freunden oder anderes, für jeden hat ja etwas bestimmtes eine persönlich Bedeutung, sein.
Die jungen und jüngeren unter ihnen müssen allerdings erst lernen, woraus sie Kraft schöpfen können, eine sogenannte Übergangswelle finden werden. Dieses Lernen ist ein Spiel mit sich und dem Leben, in der Welt. Da gibt es mutigere, kräftigere, furchtlosere, die schnell mit ihrem Brett umgehen lernen. Die sich gut anpassen können und die ein scheinbar endlos reichendes Talent für diesen Sport besitzen. Und es gibt die anderen schüchterneren, langsameren, vorsichtigeren, die erst allmählich sich an dem Spaß erfreuen, dass Leben zu erobern. Aber auch diese finden einen Weg, durch ihre Erfahrungen bereichert und wissend, sich immer wieder neue Möglichkeiten zu ergattern.
Und wenn sich der Wind und das Meer einmal ganz von ihrer zornigen Seiten zeigen, ihre Macht über uns winzigen Wellenreiter demonstrieren wollen und keine einzige Welle zu uns durchkommen lassen, oder einzig zu große und mächtige, hoch wie Bäume, die nur wenige ausgesuchte, vereinzelt einzigartige unter uns Milliarden zu befahren ernannt sind, dann müssen wir uns zusammentun. Wir müssen einander helfen, uns stützen, die Hand reichen, Erfahrungen austauschen, erlernte Geschicklichkeiten weitergeben, und uns zuhören. So können wir das Leben meistern. So sind wir in der Lage uns regierten, selbst eine Art von Eigenregie beizubringen. So Leben wir! Immer fließend, immer in Bewegung, immer treibend, immer auf der Suche - und nie wissend, wo es uns hinführen wird.